Commodore Amiga 1200

Commodore Amiga 1200 [Commodore]

Letzte Aktualisierung am

Commodore Amiga 1200 [Commodore]

Dieser Rechner stand schon länger auf meiner Wunschliste, da er das Ende der Ära von Commodore bedeutete und gleichzeitig die Krönung der Heimcomputerzeit darstellt. Erworben habe ich ihn 2018 – ironischerweise auf einem Sinclair-Treffen. Der Blick auf das Typenschild liefert die Details: Gefertigt im Mai 1993 auf den Philippinen, Woche 21. Die beiliegende Maus ist sogar noch etwas älter – November 1992, hergestellt in Malaysia, und damit ein Kind der allerersten Produktionswelle. Geliefert wurde er ohne Festplatte, dafür mit Maus, Netzteil, einem Satz Disketten und der Originalverpackung.

Geschichte

Es war das Frühjahr 1992, als der Amiga 600 – der Nachfolger des Amiga 500 bzw. Amiga 500 Plus – zum Flop wurde. Verantwortlich waren Designfehler: kein Ziffernblock, unergonomische Tastatur und fehlende Schnittstellen. Dazu kam, dass er kaum bessere Leistungsdaten besaß als der A500 Plus, da beide mit dem ECS-Chipsatz ausgestattet waren. Der A600 erschien im April 1992 – und war von Anfang an ein schwieriges Produkt.

Die Antwort kam noch im selben Jahr. Im Oktober 1992 stellte Commodore in Großbritannien den Amiga 1200 vor, Kontinentaleuropa folgte im November und Dezember 1992. Zeitgleich erschien mit dem Amiga 4000 das neue Flaggschiff für den professionellen Markt. Beide Maschinen teilten denselben AGA-Chipsatz – den Kern des Neustarts. Beim A1200 war das Gehäuse mit 3,5″-Diskettenlaufwerk vom A500 inspiriert. Dazu kam die externe PCMCIA-Schnittstelle und ein AT-IDE-Pfostenstecker zum Anschluss einer internen 2,5″-Festplatte.

Der AGA-Chipsatz – intern von Anfang an als „AA” (Advanced Architecture) bezeichnet – war keine Schnellentwicklung. Die Arbeit daran hatte bereits 1991 begonnen. Intern trug der A1200 zeitweise den Arbeitsnamen Channel Z.

Leider hatte Commodore nicht genügend liquide Mittel, um die Vorbestellungen (200.000 Stück) zu bedienen. Es konnten bei HP nur 100.000 AGA-Chipsätze geordert werden. Die langen Lieferzeiten verärgerten die Kunden, und der in großen Mengen produzierte A600 wurde zum Ladenhüter.

Amiga 1200
Amiga 1200

Im Sommer 1993 gelang es dem A1200, die Verkaufszahlen des A500 zu übertreffen, und in Europa war Commodore in Marktanteilen die Nummer zwei nach den MS-DOS-kompatiblen Rechnern. Schätzungsweise 500.000 bis 600.000 Geräte wurden unter dem Commodore-Label gefertigt – beachtlich, wenn man bedenkt, unter welchem Druck das Unternehmen stand.

Auf Basis derselben AGA-Chipsatz-Architektur entstand im September 1993 die Spielekonsole CD32. Der A1200 blieb jedoch der letzte Heimcomputer, den Commodore je auf den Markt brachte. Am 29. April 1994 meldete Commodore International Insolvenz an.

Wann wurde mein A1200 gebaut?

Das lässt sich mit einem Blick auf die Unterseite des Geräts herausfinden. Dort befindet sich neben dem Typenschild ein Barcode-Etikett mit einer 22-stelligen Ziffernfolge. Die Struktur ist folgende:

AAA · BB · CC · DDDDDD · EE · FF · GGGGG

  • AAA – Produktionsstandort: 851 = Philippinen, 401 = Großbritannien, 012 = China
  • BB – Produktionswoche
  • CC – Produktionsjahr
  • DDDDDD – Produktnummer
  • GGGGG – eigentliche Gerätenummer

Mein Exemplar trägt die Folge 8512193365067002044895 – also Standort Philippinen, Woche 21, Jahr 1993. Produziert Ende Mai 1993. Das separat aufgeklebte Malaysia-Etikett (11/92) gehört übrigens nicht zum Rechner selbst, sondern zur beiliegenden Commodore-Maus (Teilenummer 327124-15) – ein schöner Beleg dafür, dass Commodore Komponenten aus verschiedenen Fertigungsstandorten zusammenführte.

Amiga 1200 Label Unterseite
Amiga 1200 Label Unterseite

Technische Daten

Als Hauptprozessor wurde der Motorola 68EC020 verwendet – mit 14,18 MHz im PAL-Betrieb (NTSC: 14,32 MHz), abgeleitet vom Systemtakt von 28,375 MHz. Der Speicherausbau beträgt 2 MByte Chip-RAM, erweiterbar über den Trapdoor-Slot. Als Betriebssystem wurde AmigaOS 3.0 mitgeliefert, basierend auf Kickstart 3.0 im ROM. Spätere Geräte – insbesondere aus der Escom-Produktion – kamen mit Kickstart 3.1.

Auf der Unterseite bietet der Amiga 1200 einen internen 150-poligen Prozessorslot für Turbokarten und andere hardwarenahe Erweiterungen. Eine Besonderheit ist der sogenannte Uhrenport auf der Hauptplatine. Ursprünglich für eine Echtzeituhr vorgesehen (daher der Name), kann hier allerhand Spezialhardware angeschlossen werden – zum Beispiel ein Catweasel-Floppycontroller oder eine schnelle serielle Schnittstelle. Der eingebaute PCMCIA-Typ-II-Slot ermöglichte Netzwerkkarten, Speicherkarten und andere Erweiterungen, die keine Öffnung des Gehäuses erforderten. Praktisch – und zu seiner Zeit selten.

AGA-Chipsatz

Die Abkürzung steht für Advanced Graphics Architecture. In Deutschland wurde dies auch als „AA-Chipsatz” bezeichnet. Der Chipsatz besteht aus drei aufeinander abgestimmten Koprozessoren:

  • Alice – Grafiksteuerung und DMA-Controller (Nachfolger: Agnus/Fat Agnus)
  • Lisa – Videochip und Grafikausgabe (Nachfolger: Denise)
  • Paula – Sound und I/O (unverändert gegenüber dem Vorgänger)

Was AGA gegenüber dem ECS-Chipsatz des A500/A600 wirklich auszeichnete, waren die Fähigkeiten in der Farbdarstellung. Statt 64 Farben aus einer 4096-Farb-Palette bot AGA nun 256 Farben gleichzeitig aus einer 24-Bit-Palette mit 16,7 Millionen Farben. Im HAM-8-Modus (Hold-And-Modify) waren sogar bis zu 262.144 Farben gleichzeitig darstellbar. Die Sprite-Breite wurde von 16 auf 64 Pixel vervierfacht. Für Spielegrafik und digitale Bilder war das ein echter Quantensprung – auch wenn die Softwareentwickler einige Zeit brauchten, um diese Möglichkeiten auszureizen.

  • Amiga 1200 mit Schachtel
  • Amiga 1200
  • Amiga 1200 links
  • Amiga 1200 rechts
  • Amiga 1200 LEDs
  • Amiga 1200 Diskettenlaufwerk
  • Amiga 1200 Commodore Logo
  • Amiga 1200 Anschlüsse
  • Amiga 1200 Anschlüsse 2
  • Amiga 1200 Label Unterseite
  • Amiga 1200 Anschluss Unterseite
  • Amiga 1200 Disketten

Modellvarianten

Commodore-Modelle

  • Commodore Amiga 1200 – Grundversion ohne Festplatte
  • Commodore Amiga 1200HD – inkl. 2,5″-Festplatte mit 20 oder 40 MB

Escom-Modelle (Amiga Technologies)

Nach der Commodore-Pleite im April 1994 und dem Kauf der Amiga-Assets durch Escom im April 1995 für rund 10 Millionen US-Dollar wurde der Amiga 1200 unter dem neuen Label Amiga Technologies GmbH (Sitz: Bensheim, Hessen) wieder gefertigt.

Die Modelle behielten die Bezeichnungen. Technisch gab es kaum Unterschiede, da die Dokumentation des Rechners fehlte oder unvollständig war. Der Soundchip Paula musste abgefräst werden, um die Funktionsweise zu klären. Das Gehäuse des Escom A1200 besteht aus einem anderen Kunststoff, das Typenlogo wurde angepasst, und ein anderes Diskettenlaufwerk musste her, da das ursprüngliche Modell nicht mehr hergestellt wurde. Die Wahl fiel auf ein veraltetes DD-Laufwerk von Mitsumi. Leider griffen einige Programme direkt auf die Hardware des Laufwerks zu und bekamen nicht die erwartete Reaktion, was zu Abstürzen führte. Nachdem dies bekannt wurde, gab es einen kostenlosen Schaltkreis von Amiga Technologies, der das Problem behob. Die interne Festplatte hatte nun eine Kapazität von 170 MB.

Escom selbst meldete bereits 1996 ebenfalls Insolvenz an – das Ende eines kurzen Zwischenspiels.

Petro Tyschtschenko – Der Mann, der den Amiga zweimal rettete

Hinter der Escom-Übernahme steckt eine Person, die aus der Amiga-Geschichte nicht wegzudenken ist: Petro Taras Ostap Tyschtschenko, geboren 1943 in Wien. Er begann am 1. Oktober 1982 bei Commodore Deutschland als Leiter Materialwirtschaft, baute das europäische Zentrallager in Rotterdam auf und wurde schließlich Direktor Logistik Europa. Er war kein Ingenieur – er war der Mann, der dafür sorgte, dass die Geräte überhaupt beim Händler ankamen.

Nach dem Konkurs 1994 wurde Tyschtschenko zum Liquidator. Er reiste um die Welt, schloss Filialen – und suchte gleichzeitig nach Investoren. Er fand Escom, überzeugte sie vom Amiga und wurde Geschäftsführer der neu gegründeten Amiga Technologies GmbH. Als auch Escom im Juli 1996 Pleite ging, wiederholte er das Kunststück: Er fand Gateway 2000 als nächsten Investor (14 Mio. USD) und führte die Geschäfte unter dem neuen Namen Amiga International, Inc. in Langen bis 2001 weiter.

Bei Amiga Technologies trieb er außerdem den Walker als A1200-Nachfolger voran – mit 68030-Prozessor und CD-ROM-Laufwerk. Der Walker wurde auf der CeBIT 1996 vorgestellt, ging aber nie in Serie. Es existieren heute nur zwei Prototypen, einer davon in Tyschtschenkos Privatbesitz.

Die Indien-Story: Neue alte Amigas

Das vielleicht kurioseste Kapitel der A1200-Geschichte spielte sich Jahrzehnte nach der Einstellung der Produktion ab. Ein indischer Geschäftsfreund von Tyschtschenko meldete sich bei ihm und fragte, ob er noch Interesse an einem Lagerbestand originalverpackter Amiga 1200 Magic Packs hätte – vergessen in einem Lager in Indien, rund 17 bis 20 Jahre lang unberührt.

2012 importierte Tyschtschenko eine erste Charge – nach eigenen Angaben unter 100 Einheiten – und verkaufte sie als Non-Profit-Aktion für 150 Euro pro Stück direkt über Facebook an die Community. Bei der ersten Runde waren lediglich drei Geräte defekt. 2013 folgte eine weitere Charge, diesmal für 200 Euro inklusive Versand. 2014 gab es nochmals einzelne Verkäufe. Die Gesamtmenge über alle Runden hinweg dürfte weit unter 200 Geräten gelegen haben – und macht diese Exemplare zu begehrten Sammlerstücken.

Wie erkennt man diese Geräte?

Bei den Indien-Geräten handelt es sich ausnahmslos um Escom/Amiga Technologies Magic Packs, keine Commodore-Originale. Die Erkennungsmerkmale:

  • Seriennummer: Escom-Geräte wurden in Frankreich gefertigt und tragen die Ländercodes 260, 364, 464 oder 564 – statt 851 (Philippinen) oder 401 (Großbritannien) der Commodore-Originale
  • Kickstart 3.1 statt 3.0 der Commodore-Version
  • Amiga Technologies-Logo im Boing-Ball-Design statt Commodore-Schriftzug
  • Mitsumi-Diskettenlaufwerk statt des originalen Laufwerks
  • Verpackung und Einlagen weisen durch die jahrzehntelange Lagerung unter tropischen Bedingungen oft Feuchtigkeitsspuren auf

Verkaufszahlen

Auf dem deutschen Markt wurden bis Ende 1993 unter Commodore 95.500 Exemplare des A1200 verkauft. Escom brachte es bis Dezember 1995 in Westeuropa auf weitere 20.000 bis 40.000 Einheiten – weit hinter den eigenen Prognosen. Die genaue weltweite Gesamtzahl ist bis heute nicht offiziell dokumentiert. Schätzungen gehen von mehreren Hunderttausend Geräten aus, wobei Großbritannien der stärkste Einzelmarkt war.

Heutiger Sammlerwert

Der A1200 ist auf dem Retromarkt fest etabliert. Für gut erhaltene, vollständige Geräte mit Originalzubehör und Box bewegen sich die Preise aktuell zwischen 300 und 600 Euro, je nach Zustand und Vollständigkeit des Pakets.

Fazit

Für Sammler ist der A1200 ein wichtiges Stück Computergeschichte: der letzte Heimcomputer von Commodore, technisch seiner Zeit durchaus gewachsen, aber von einem Unternehmen im freien Fall auf den Markt gebracht. Spieler müssen das Gerät nicht unbedingt besitzen, da der A500 mit seiner riesigen Softwarebibliothek kompatibler ist. Spiele, die den AGA-Chipsatz wirklich ausreizen, gibt es – aber nicht viele.

Was bleibt, ist ein Rechner, der besser war als sein Schicksal.

Für den A1200 optimierte Spiele: https://en.wikipedia.org/wiki/Category:Amiga_1200_games
Top 10 Amiga 1200 Spiele: https://www.retrogamer.net/top_10/amiga-1200/

2 Kommentare zu “Commodore Amiga 1200 [Commodore]”