Der Sinclair QL (Quantum Leap) wurde am 12. Januar 1984 vorgestellt und sollte für Sir Clive Sinclair der nächste große Wurf nach dem ZX Spectrum werden. Auf dem Papier las sich das Konzept beeindruckend: ein 32-Bit-Heimcomputer mit echtem Multitasking-Betriebssystem, professioneller Bürosoftware und Netzwerkfähigkeiten für unter 400 Pfund (genauer: £399, ein Bruchteil dessen, was Apple für den im selben Monat erschienenen Macintosh verlangte). Damit wollte Sinclair direkt in den Geschäftsmarkt vorstoßen, in dem bislang IBM und Apple das Sagen hatten.
Die Realität sah leider anders aus. Der QL ging fast ein Jahr vor seinem geplanten Termin auf die Bühne, vor allem um Apple und dem im Jahr darauf erwarteten Atari ST zuvorzukommen. Zum Zeitpunkt der Pressevorstellung existierte nicht ein einziger voll funktionierender Prototyp – Sinclair nahm trotzdem sofort Bestellungen entgegen und versprach Lieferung innerhalb von 28 Tagen. Die ersten Geräte trudelten dann schleppend ab April 1984 bei den Kunden ein, weshalb die britische Computerpresse das Kürzel QL bald nicht mehr als „Quantum Leap” sondern spöttisch als „Quite Late” übersetzte. Selbst die britische Werbeaufsicht ASA interessierte sich für die Vorgänge.
Der Kludge – wenn das ROM nicht ins Gehäuse passt
Damit überhaupt etwas ausgeliefert werden konnte, griff Sinclair zu einer Notlösung, die bis heute legendär ist: Bei den ersten Geräten mit dem Issue-4-Mainboard war das Betriebssystem schlicht noch nicht fertig genug, um in die geplanten 32 KB ROM zu passen. Der überschüssige Code wurde kurzerhand auf ein zusätzliches 16-KB-ROM-Modul ausgelagert, das hinten aus dem Gehäuse herausragte. Dieses Provisorium bekam von der Fachpresse spöttisch den Namen „Kludge” oder „Dongle” verpasst. Erst spätere Boardrevisionen (Issue 5, 6 und 7) kamen mit vollständigen 48 KB ROM im Gehäuse, und die Käufer der allerersten Geräte konnten ihre Maschinen kostenfrei umtauschen lassen.
Innere Werte
Im Inneren steckt ein Motorola 68008 mit 7,5 MHz – im Kern derselbe 32-Bit-Prozessor wie der 68000 im Atari ST und Amiga, allerdings mit einem auf 8 Bit reduzierten externen Datenbus. Genau das ist der „verkrüppelte Prozessor”, den ich in der ursprünglichen Version dieses Artikels schon kritisiert hatte: Der 68008 kostete weniger und brauchte simplere Speicherbausteine, war aber durch den schmalen Bus deutlich langsamer als seine großen Geschwister. Zusätzlich klaute die ULA ZX8301 dem Prozessor regelmäßig Taktzyklen für den Bildaufbau (cycle stealing), was die effektive Leistung weiter drückte.
An der Seite kümmern sich zwei kundenspezifische ULAs um die Drecksarbeit: Die bereits erwähnte ZX8301 ist für die Grafikausgabe zuständig, die ZX8302 („Peripheral Chip”) regelt Microdrives, serielle Schnittstellen, Netzwerk und Echtzeituhr. Für Tastatur und – sehr rudimentäre – Klangerzeugung ist ein Intel 8049 als Co-Prozessor zuständig.
Die Grafik kennt zwei Modi: 512 × 256 Pixel mit 4 Farben für die Textverarbeitung oder 256 × 256 Pixel mit 8 Farben für etwas buntere Anwendungen. Sprites oder Hardware-Scrolling gibt es nicht – der QL war eindeutig nicht als Spielemaschine gedacht.

QDOS und SuperBASIC
Das eigentlich Faszinierende am QL steckte aber in der Software. Tony Tebby hatte mit QDOS ein präemptives Multitasking-Betriebssystem geschrieben, das seiner Zeit weit voraus war. Mehrere Programme gleichzeitig laufen lassen, Fenster zwischen ihnen umschalten, im Hintergrund drucken während man im Vordergrund weiterarbeitet – das war 1984 für einen Heimcomputer absolut ungewöhnlich. Dazu kam SuperBASIC von Jan Jones, ein strukturiertes BASIC mit benannten Prozeduren, Funktionen, lokalen Variablen und ohne Zeilennummern-Zwang. Wer aus der GOTO-Hölle des Spectrum-BASIC kam, fühlte sich hier wie befreit.
Mitgeliefert wurde außerdem die berühmte Psion-Suite auf zwei Microdrive-Cartridges – vier vollwertige Anwendungen, die später in leicht veränderter Form unter dem Namen Psion Xchange auch auf den PC kamen:
- Quill – Textverarbeitung mit echter WYSIWYG-Darstellung
- Abacus – Tabellenkalkulation
- Archive – Datenbank mit eigener Abfragesprache
- Easel – Geschäftsgrafik
Genau dieses Paket war es, das mich damals begeisterte. Ich habe darauf meine ersten Erfahrungen mit Textverarbeitung und Tabellenkalkulation gesammelt, lange bevor solche Programme auf dem Atari ST oder PC zum Standard wurden.
Microdrives – die ewige Achillesferse
Die beiden eingebauten Microdrives waren als günstige Alternative zu Floppy-Laufwerken gedacht. Es handelt sich dabei um winzige Endlosbänder in Kunststoffkassetten, die rund 100 KB pro Cartridge fassen und immerhin deutlich schneller laden als eine Kassette. Schon vom ZX Spectrum waren sie als Peripherie bekannt – beim QL waren sie nun fest verbaut.
Theoretisch eine nette Idee. In der Praxis waren die Microdrives das Sorgenkind des QL: empfindlich gegen Staub, mit zunehmendem Alter unzuverlässig und mit den krummen 100 KB Speicherplatz nicht wirklich konkurrenzfähig gegenüber 720-KB-Disketten. Wer mit dem QL ernsthaft arbeiten wollte, kam um ein externes Floppy-Interface kaum herum.

Die persönliche Geschichte
Warum ich damals meinen ZX Spectrum gegen einen QL eingetauscht habe, weiß ich heute leider nicht mehr genau. Vermutlich war es die Faszination für die mitgelieferte Bürosoftware und der Reiz, etwas „Richtiges” mit dem Rechner anstellen zu können. Gekauft habe ich meinen QL bei einem kleinen Systemhaus in der Nähe meines Wohnorts.
Software für den QL zu bekommen war in Deutschland noch deutlich schwieriger als für den Spectrum. Ich habe damals eine englische QL-Zeitschrift abonniert, um wenigstens an Listings und Neuigkeiten zur Plattform heranzukommen. Vieles musste ich selbst programmieren – was rückblickend wahrscheinlich der Hauptgrund war, warum ich auf diesem Rechner mehr gelernt habe als auf dem Spectrum davor.
Die Zeit mit dem QL war trotzdem überschaubar: Im Sommer 1987 bekam ich zum Schulabschluss meinen Atari 1040 STFM und damit war das Kapitel QL für mich erst einmal beendet. Der QL war für mich rückblickend das Bindeglied zwischen der 8-Bit-Welt des Spectrum und der 16/32-Bit-Welt des ST.
Eine kleine Trivia-Perle am Rande
Ein gewisser Linus Torvalds kaufte sich 1987 mit Erspartem und einem Kredit seines Vaters seinen ersten eigenen Rechner – einen Sinclair QL. Auf diesem schrieb er sich erst einen eigenen Editor und Assembler, dann einen Pac-Man-Klon namens Cool Man und schließlich auch einen Treiber für ein Floppy-Interface, weil ihm der mitgelieferte zu langsam war. Bei der Gelegenheit fand er einige Fehler in QDOS. Wenige Jahre später schrieb er auf einem 386er-PC die ersten Zeilen Code an einem Projekt, das er später Linux nennen würde. Ohne den QL hätte es Linux in dieser Form vermutlich nicht gegeben.
Erweiterungen – wenn die Community übernimmt
Nachdem Sinclair den QL bereits im April 1986 nach nur rund 150.000 verkauften Geräten einstellte (Amstrad hatte Sinclair übernommen und sah keinen Markt mehr), übernahm eine sehr aktive Community das Ruder. Allen voran die britische Firma Miracle Systems, die den QL über mehr als ein Jahrzehnt am Leben hielt:
- Die Trump Card brachte 768 KB zusätzlichen Speicher (in Summe also 896 KB statt der offiziellen 640-KB-Grenze), ein Floppy-Interface und das Toolkit II auf einer einzigen Karte am Expansion Port.
- Die Gold Card ersetzte den 68008 mit einem 16-MHz-68000, brachte 2 MB RAM, ein Floppy-Interface mit Unterstützung für DD-, HD- und sogar ED-Disketten sowie eine batteriegepufferte Echtzeituhr mit – alles ohne Eingriff ins Innere des QL.
- Die Super Gold Card krönte das Ganze 1993 mit einem 24-MHz-68020-Prozessor, 4 MB RAM und einer Centronics-Schnittstelle. Damit war ein QL plötzlich ein durchaus ernstzunehmender Rechner.
Daneben gab es alternative Betriebssystem-ROMs (Minerva, später SMSQ/E), Festplatten-Interfaces und sogar komplette QL-Nachbauten in PC-Gehäusen.
Technische Daten Sinclair QL
| Prozessor | Motorola 68008, 7,5 MHz (32 Bit intern, 8 Bit Datenbus) |
| Co-Prozessoren | ZX8301, ZX8302 (ULAs), Intel 8049 (Tastatur/Sound) |
| Arbeitsspeicher | 128 KB RAM, 32 KB VRAM, 48 KB ROM |
| Erweiterbar | offiziell auf 640 KB, mit Trump Card auf 896 KB |
| Auflösungen | 512 × 256 (4 Farben) / 256 × 256 (8 Farben) |
| Textmodi | 80 × 25 oder 40 × 25 Zeichen |
| Speichereinheiten | 2 × interne Microdrives, ca. 100 KB pro Cartridge |
| Schnittstellen | 2 × RS-232, 2 × QLAN-Netzwerk, 2 × Joystick, Expansion Port, ROM-Cartridge, externe Microdrive-Erweiterung |
| Betriebssystem | QDOS (Tony Tebby) mit SuperBASIC |
| Mitgelieferte Software | Psion Quill, Abacus, Archive, Easel |
| Erscheinungsjahr | 12. Januar 1984 |
| Einstellung | April 1986 |
| Verkaufte Stückzahl | ca. 150.000 |
| Einführungspreis | £399 |
Mein Exemplar heute
Gut erhaltene und vor allem „unverbastelte” QLs sind inzwischen auf Ebay echte Mangelware geworden. Ich hatte vor einigen Jahren das Glück, ein solches Exemplar zu ersteigern. Dabei lag eine funktionierende 512-KB-Speichererweiterung für den Expansion Port mit durchgeschliffenem Bus.

Beim ersten ausgiebigen Test fiel mir dann auf, dass einzelne Tasten nicht mehr reagierten. Die Ursache war schnell gefunden: Die Tastaturmembran im QL war wie bei so vielen Sinclair-Geräten dieser Ära mit den Jahren spröde geworden. Neue Membranen sind glücklicherweise weiterhin als Repro-Teile erhältlich, der Tausch ist mit etwas Geduld machbar (siehe meinen separaten Reparatur-Artikel).
Auch die beiden Disk-Interfaces in der Sammlung – ein XDISK Wolf Computer V1.00 von 1987 und ein QDOS Disc Controller V1.16 von 1984 – konnte ich inzwischen erfolgreich in Betrieb nehmen. Möglich gemacht hat das Ben aus Belgien, der noch passende 3,5-Zoll-Doppellaufwerke für den QL baut, sowie Rich Mellor, mit dessen Hilfe sich klären ließ, welches Laufwerk überhaupt benötigt wird. Die Details samt der wichtigsten QDOS-Diskettenbefehle und einem kleinen Trick, wie man PC-Software per QEmuLator auf eine QL-Diskette bekommt, habe ich in einem eigenen Artikel zum Diskettenlaufwerk am QL dokumentiert.


Moderne Erweiterungen aus der Szene
Was den QL für mich heute besonders spannend macht, ist die kleine, aber bemerkenswert produktive Szene, die rund um den Rechner weiterhin neue Hardware entwickelt. Über die letzten Jahre habe ich einige dieser Erweiterungen in die Sammlung geholt und jeweils einzeln ausführlich vorgestellt:
- QL-SD – ein SD-Karten-Interface von Peter Graf, das den QL endlich aus dem Microdrive-Diskette-Korsett befreit. Damit passt das halbe weltweite QL-Software-Archiv auf eine einzige Karte.
- QubIDE – ein AT/IDE-Festplatten-Interface, ursprünglich 1996 von Zeljko Nastasic entwickelt und über Qubbesoft vertrieben. Macht aus dem QL nachträglich einen richtigen Arbeitsplatzrechner mit Festplatte.
- Tetroid Disk Interface CF – ein moderner Nachbau eines Disk-Interfaces, das zusätzlich einen Compact-Flash-Slot mitbringt und damit Floppy- und Massenspeicherzugriff in einem Gerät vereint.
- mICE – das Icon Controlled Environment von Eidersoft war Mitte der 80er ein früher Versuch einer iconbasierten Oberfläche auf dem QL, gestalterisch nah an Digital Researchs GEM. Über eine kleine Adapterplatine lässt sich heute sogar eine USB-Maus anschließen.
- QL-VGA – ein FPGA-basierter Adapter, der das QL-Videosignal in zeitgemäßes VGA umsetzt. Damit lässt sich der QL endlich ohne Bastelei an einem modernen Monitor betreiben.
- QL Power Converter – eine kleine, aber äußerst nützliche Adapterplatine, die ein modernes Standardnetzteil an den absolut nicht standardisierten, eckigen Stromanschluss des QL bringt. Wer noch ein originales Netzteil im Einsatz hat, weiß, warum dieses Teil eine gute Investition ist.
- QIMSI / QIMSI Gold – das jüngste Projekt der Szene, im Herbst 2023 aus dem Nichts aufgetaucht und einmal mehr von Peter Graf entwickelt. Ein modernes Interface, das mehrere klassische Erweiterungsfunktionen auf einer kompakten Platine bündelt.
Anlaufstellen heute
Originales Zubehör findet man inzwischen fast nur noch über SellMyRetro aus England. Wer den Umweg über UK-Versand und Zoll vermeiden möchte, wird beim deutschen Sintech-Shop fündig, der ebenfalls QL-Hardware im Sortiment führt. Die zentrale internationale Anlaufstelle für alles rund um den QL ist aber das Diskussionsforum The QL Forum – dort tauschen sich Entwickler, Sammler und Anwender aus, dort werden neue Hardware-Projekte zuerst angekündigt, und dort findet sich auch immer jemand mit Tipps zu kniffligen Reparaturen. Wer einen QL ohne die Risiken alternder Originalhardware erleben möchte, findet im Q68 außerdem eine ausgereifte moderne FPGA-Variante, die ich mir ebenfalls in die Sammlung geholt habe.


![Sinclair QL [Sinclair]](https://www.jungsi.de/blog/wp-content/uploads/2012/11/QL-kl.jpg)
Moin Jungsi,
nachdem ich in der Rhön auf den Geschmack gekommen bin, will ich mir eine RAM Erweiterung bauen. Du hast in deinem QL Artikel eine 512 K RAM Erweiterung erwähnt—– ist diese aus “diskreten” Bausteilen gebaut, oder sind da GAL Chips o.ä. vorhanden?
Ich würde diese RAM Erweiterung gern nachbauen, hast du einen Schaltplan davon? Ich würde diesen auch erstellen wenn ich die Platine leihweise bekommen könnte?
Viele Grüße von Dieter