Atari Portfolio – mein DOS-Palmtop aus den 90ern (und warum er heute noch fasziniert)
Wenn ich einen Artikel über den Atari Portfolio schreibe, merke ich jedes Mal, wie schnell die Zeit vergeht. Ich hatte das Gerät damals wirklich selbst – gekauft (wie so vieles) ganz bodenständig bei Quelle – und habe es in den 90ern intensiv genutzt. Und trotzdem existiert auf meinem Blog bisher nur ein kurzer Beitrag aus 2012:
https://www.jungsi.de/atari-portfolio/
Damals habe ich kaum mehr als einen schnellen Eindruck festgehalten. Heute möchte ich das nachholen und den Portfolio so beschreiben, wie er es verdient: als ein Gerät, das „echten PC-Alltag“ in ein Format gepackt hat, das man tatsächlich unterwegs dabeihaben konnte.
Ein Palmtop, der eigentlich kein Atari war
Was viele nicht wissen: Hardware-Design und ROM-Software (BIOS, DOS, Shell und die kompletten PIM-Anwendungen) waren ursprünglich keine Atari-Entwicklung. Die technische Basis stammt von DIP Research Ltd. aus Großbritannien, die zuvor bereits einen „Pocket PC“ als Proof-of-Concept gezeigt hatten. Atari lizenzierte diese Plattform und machte daraus ein marktreifes Produkt.
Atari steuerte dabei nicht „nur“ das Logo bei: Das Industriedesign-Team entwickelte das Seriengehäuse, die Tastatur und passte die Elektronik an das neue Layout an. In der Praxis hieß das unter anderem, dass das Innenleben an das Gehäuse angepasst wurde (z. B. die Position des LCD-Moduls) und dass im Zuge dessen auch Korrekturen und Verbesserungen einflossen, die im Entwicklungsprozess auffielen.
Das Gehäuse: Design mit Handschrift
Das Portfolio ist ein Gerät, das man sofort erkennt: dieses kompakte Klappgehäuse, das sich wie ein Mini-Laptop anfühlt, aber eher in Richtung „VHS-Kassette“ tendiert – nur eben mit Tastatur.
Als Designer wird häufig Ira Velinsky genannt, der bei Atari mehrere Gehäuseformen prägte. Das passt auch zum Gesamtbild: Der Portfolio wirkt wie ein echtes Serienprodukt und nicht wie ein „Tech-Prototyp“, der zufällig in den Handel gefallen ist.

1989 vorgestellt, 1990 wirklich überall verfügbar
Auf Messen 1989 tauchte das Gerät unter verschiedenen Namen auf, bevor es sich als Atari Portfolio durchsetzte. In Deutschland lag der Einstiegspreis bei 798 DM – und im Rückblick war das zwar nicht billig, aber auch kein Fantasiepreis, wenn man bedenkt, was man dafür bekam: einen PC-kompatiblen Rechner, der auf Batterien lief und in die Jackentasche passte.
Und ja: Der Portfolio wird oft als „erster IBM-PC-kompatibler Palmtop“ bezeichnet – zumindest als eines der ersten Geräte, die dieses Versprechen in einer Form einlösten, die man wirklich unterwegs nutzen konnte.
Display und Alltag: das Licht entscheidet
Zur Darstellung dient ein monochromes LCD mit 240×64 Bildpunkten (typisch sind 40 Zeichen × 8 Zeilen im Textmodus). Eine Hintergrundbeleuchtung gab es nicht. Das klingt heute nach „na und?“, war aber im Alltag ein echter Faktor: Je nach Licht und Blickwinkel konnte das Display wunderbar lesbar sein – oder eben überhaupt nicht.
Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich bewusst den Platz am Fenster gesucht habe oder das Gerät so gedreht habe, dass die Reflexionen nicht stören. „Mobil“ bedeutete damals eben auch: Man arrangiert sich.

Mein Aha-Moment damals: Stolz, Ordnung, Nullmodem
Was war ich stolz, als ich dieses Gerät zum ersten Mal in Händen hielt. Ich habe sofort die Adressverwaltung mit Daten gefüttert, erste Texte im Editor geschrieben – und dann kam der Punkt, der für mich den Portfolio wirklich zum „Werkzeug“ gemacht hat: Datentransfer.
Ich habe Dateien zum und vom PC übertragen, ganz klassisch per Nullmodemkabel (über die serielle Schnittstelle). Genau so wurde der Portfolio für mich zum Bindeglied: Unterwegs Daten pflegen, zu Hause am PC weiterarbeiten – und umgekehrt. Das ist im Kern das, was wir heute mit Cloud und Smartphone ganz selbstverständlich machen, nur eben im 90er-Look.
Hardware in Kurzform
Im Inneren steckt ein stromsparender 80C88 (eine 8088-Variante) mit knapp 5 MHz. Dazu 128 KB RAM und 256 KB ROM, in dem BIOS/DOS/Shell und die Anwendungen direkt enthalten sind. Der Rechner läuft mit Batterien (3× AA), und das Ganze bleibt beim Batteriewechsel in der Regel erhalten – extrem wichtig für ein Gerät, das man „nebenbei“ nutzt.
Das Betriebssystem: DOS-Gefühl, aber mit eigener DNA
Spannend ist die Einordnung: Der Portfolio fühlt sich stark nach DOS an – Kommandos, Dateinamen, typischer Workflow – und ist zu MS-DOS 2.11 weitgehend kompatibel, solange Programme nicht direkt auf PC-Hardwareports zugreifen.
Die interne Software ist dabei der eigentliche Star: Man klappt das Gerät auf und kann sofort produktiv sein. Genau das war (und ist) die große Stärke des Portfolio.
Software: das steckt bereits im ROM
Wichtig war in erster Linie die bereits integrierte Software. Dazu gehören:
- Befehlszeile / Shell
- Setup
- Texteditor
- Tabellenkalkulation (Lotus-1-2-3-kompatibel)
- Kalender/Diary mit Alarmen
- Taschenrechner
- Adressverwaltung (inkl. DTMF-Wahl über den Lautsprecher)
Gerade die Adressverwaltung ist ein schönes Zeitdokument: Telefonnummern konnten über DTMF-Töne ausgegeben werden – man hielt den Telefonhörer an den kleinen Lautsprecher, und der Portfolio „wählte“ die Nummer akustisch. Das ist herrlich 80er/90er – und gleichzeitig erstaunlich praktisch gedacht.
Speicherkarten: Bee-Karten statt PCMCIA
Als Wechselmedium dienen die bekannten Mitsubishi-„Bee“-Karten (die ursprünglich aus dem MSX-Umfeld stammen). Sie stecken links im Gerät und werden als Laufwerk (A:) eingebunden. Formatiert wird mit FAT-Dateisystem, sodass das Ganze stark nach PC wirkt – nur eben mit einem Speicherkartenformat, das zeitlich noch vor dem PCMCIA-Standard liegt.



Mehrsprachigkeit und ROM-Versionen
Der Portfolio wurde in mehreren Sprachkombinationen ausgeliefert. Typisch ist: Das Gerät unterstützt immer drei Sprachen pro ROM-Variante (z. B. Englisch/Französisch/Deutsch als verbreitete Kombination). Dazu passen dann auch unterschiedliche Tastaturlayouts.
In Deutschland trifft man häufig auf Gerätevarianten wie HPC-004 und HPC-006 (je nach Layout/Markt), oft mit ROM-Ständen aus der „Mainstream-Phase“. Für Sammler ist das Thema ROM-Versionen ohnehin eine kleine Welt für sich – inklusive späterer Bugfixes und Utilities.
Ein Entwicklerblick von innen: das Buch von 2021
Richtig spannend ist, dass es inzwischen auch einen Blick „von innen“ gibt: 2021 erschien ein Buch als E-Book mit dem Titel „The story behind the creation of the Atari Portfolio“, geschrieben von einem Beteiligten aus dem ursprünglichen Entwicklungsteam. Gerade für Leute, die nicht nur das Gerät, sondern auch die Entstehungsgeschichte mögen, ist das eine schöne Ergänzung – weil es über Team, Designentscheidungen und Produktionsrealitäten erzählt.
Zubehör – nur angerissen, der Rest folgt im eigenen Artikel
Eigentlich wollte ich Zubehör in einem separaten Beitrag behandeln (und das mache ich auch), aber damit der Kontext stimmt, hier nur der kurze Überblick:
Auf der rechten Seite sitzt der 60-polige Erweiterungsanschluss. Darüber konnten Module wie Seriell oder Parallel angebunden werden, und es gab Speichererweiterungen (Memory Expander+), die den Portfolio deutlich aufwerten konnten – bis hin zu einer PC-Karte (ISA-Lösung) zum Lesen/Schreiben der Speicherkarten am Desktop-PC.
Das ist ein Thema, das ich separat ausführlicher aufdröseln möchte, weil es beim Portfolio extrem viel „Ökosystem“ gibt – von Atari-Originalen bis zu späteren Speziallösungen.
Heute in meiner Sammlung
Inzwischen hat sich bei mir rund um den Portfolio einiges angesammelt – inklusive Exemplaren im sehr guten Zustand und besonderer Varianten/Modifikationen. Allein das zeigt, wie langlebig und sammelwürdig dieses Gerät ist: Der Portfolio ist nicht nur „ein alter Rechner“, sondern ein Stück mobile PC-Geschichte.

Fazit
Der Atari Portfolio ist für mich ein echtes Lieblingsgerät, weil er zwei Welten zusammenbringt: die Strenge und Klarheit von DOS-Workflows und die Idee, das Ganze wirklich mobil zu machen. Und er tut das so konsequent, dass man ihn auch heute noch gern aufklappt – nicht weil er „praktischer als ein Smartphone“ wäre, sondern weil er zeigt, wie früh das Mobile-Computing-Denken schon da war.


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