Literatur

Ein Blick zurück ins Jahr 1984: „Inside the Personal Computer“ [Literatur]

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Ein Blick zurück ins Jahr 1984: „Inside the Personal Computer“ [Literatur]

Manchmal braucht es keinen Flohmarkt und keine große Ebay-Recherche, um ein echtes Sammlerstück zu finden – manchmal reicht ein spontaner Abstecher ins örtliche Antiquariat. Für 10 € ist mir dort ein echtes Kuriosum aus der Frühzeit der Heimcomputer in die Hände gefallen: ein Pop-up-Buch, das Kindern und Erwachsenen 1984 erklären sollte, was eigentlich in so einem Personal Computer steckt.

Ein Buch, das den PC im wahrsten Sinne aufklappt

„Inside the Personal Computer: An Illustrated Introduction in 3 Dimensions“ erschien erstmals 1984 bei Abbeville Press in New York, die britische Ausgabe folgte ein Jahr später bei Viking/Penguin – genau die Ausgabe, die jetzt bei mir gelandet ist. Verantwortlich für den Text war Sharon Gallagher, für die aufwendige Papierkonstruktion zeichnete der niederländische Paper Engineer Ron van der Meer verantwortlich.

Auf gerade einmal 14 Seiten verstecken sich sechs doppelseitige Klappaufsteller, die es in sich haben: Die erste Doppelseite lässt einen kompletten PC samt Tastatur aus dem Papier emporsteigen. Auf der zweiten Seite lässt sich eine funktionierende Taste tatsächlich herunterdrücken, während eine Ziehlasche den ASCII-Code erklärt und eine Drehscheibe das Binärsystem veranschaulicht. Es folgen eine ausklappbare CPU, ein Diskettenlaufwerk mit faltbarer Diskette, eine Bildröhren-Darstellung mit beweglichem Element zur Erklärung von Pixeln und Grafik – und zum Schluss ein interaktiver Drucker. Zieht man die Diskette heraus, zeigt der Papier-Bildschirm sogar „HELLO“ an.

Inside The Personal Computer
Inside The Personal Computer

Mein Exemplar hat dabei einen echten Bonus: Alle Klappmechanismen funktionieren nach über 40 Jahren noch tadellos, und es liegt die komplette deutsche Übersetzungsbeilage bei – bei einem Buch dieses Alters keineswegs selbstverständlich, da gerade die filigranen Papierteile oft als erstes den Dienst quittieren.

Der Mann hinter der Papiermechanik

Ron van der Meer, geboren 1945 in Amsterdam, gilt als einer der einflussreichsten Paper Engineers überhaupt – und als derjenige, der als Erster darauf bestand, dass Pop-up-Bücher nicht nur etwas für Kinder sind. Nach seiner Ausbildung an der Königlichen Akademie in Den Haag und am Royal College of Art in London widmete er sich zunächst klassischen Kinderbüchern, bevor er sich ab Mitte der 80er verstärkt komplexen Sachthemen für Erwachsene zuwandte – Architektur, Musik oder eben der Personal Computer gehörten zu seinen bevorzugten Themen. Über 100 Pop-up-Bücher trägt seine Handschrift, seine Werke wurden international zu Bestsellern.

„Inside the Personal Computer“ fällt dabei genau in seine frühe Schaffensphase als Erwachsenen-Pop-up-Designer. Die Smithsonian Libraries führen das Buch bis heute in ihrer Pop-up-Sammlung und zeigten es in einer Ausstellung zur Kunst des Paper Engineering – ein Hinweis darauf, dass es nicht nur als Sachbuch, sondern auch als bibliophiles Kunstobjekt Beachtung findet.

Computer-Literacy als Verkaufsschlager

Das Buch fällt mitten in eine Zeit, in der „Computer Literacy“ zum Schlagwort wurde. Die frühen 80er brachten den PC in immer mehr Wohnzimmer, gleichzeitig war für die meisten Menschen völlig unklar, was eigentlich in diesen Kisten vor sich ging. Laut Verlagsangabe richtete sich das Buch an Leser ab der vierten Klasse – Zielgruppe waren also ausdrücklich auch Kinder, die ohne technisches Vorwissen verstehen sollten, wie RAM und ROM, Tastatur und Bildschirm zusammenspielen.

Wer sich heute durch die Seiten blättert, merkt schnell: Diese Epoche hatte ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten. Disketten waren noch echte Wechseldatenträger, die CPU brauchte wegen der vielen diskreten Bauteile noch eine ganze Platine für sich – Dinge, die für heutige Leser fast so exotisch wirken wie die Klappmechanik selbst.

Nicht das einzige Werk seiner Art

Wer nach dem Lesen dieses Artikels Lust auf mehr bekommen hat: Van der Meer hat sich schon zwei Jahre zuvor, 1982, an Pop-up-Spielen versucht – „The (World’s First Ever) Pop-Up Games Book“ enthält vier tatsächlich spielbare Jahrmarktspiele mit beweglichen Papierteilen. Das ist zwar (noch) kein Videospiel-Thema, zeigt aber, wie früh sich van der Meer schon mit interaktiver Papiermechanik beschäftigt hat, bevor er sich an komplexere technische Themen wagte.

Auch abseits von van der Meer gab es in dieser Ära einige vergleichbare Sachbuch-Pop-ups für ein erwachsenes bzw. technikaffines Publikum, etwa zum Thema Raumfahrt mit dem Space Shuttle als Aufklapp-Modell. Der Personal Computer bleibt aber bis heute eines der ungewöhnlichsten und liebevollsten Beispiele dieser Gattung – gerade weil hier Technikgeschichte und Papierkunst so direkt aufeinandertreffen.

Inside The Personal Computer - Deusche Beilage
Inside The Personal Computer – Deutsche Beilage

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