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Manchmal braucht ein Fund elf Jahre [Retro]

Manchmal braucht ein Fund elf Jahre [Retro]
Ein Flohmarktpaket von der VCFe 2015 — und die Geschichte, die sich erst heute erzählt

Manchmal braucht ein Fund elf Jahre um zu erzählen, was er wirklich ist.

Es war der 2. Mai 2015, Samstag auf der VCFe 16.0 in München. Auf dem Flohmarkt des Vintage Computer Festival Europe lag ein Paket — ein Schneider CPC 464 mit Zubehör, ein Stapel Bücher, eine Schachtel Kassetten. Der Preis war überraschend niedrig. Der Kauf war schnell gemacht.

Dann verschwand das Paket im Lager. Elf Jahre lang.

Der Auslöser

Was den Stapel wieder ans Licht brachte, war eine banale Suche in der Sammlungsdatenbank. Die Vortex SP 512 — eine seltene interne Speichererweiterung für den CPC 464 — war nirgends eingetragen. Dabei war sie die ganze Zeit eingebaut im aktiven Rechner, der neben dem CPC 6128 seinen Dienst tut. Also: Lager öffnen, nachsehen.

Und dann ging es los.

Der Rechner

Der Schneider CPC 464 in der Schachtel ist kein normaler 464er. Im Inneren steckt eine Vortex SP 320 — die zeitgrößte erhältliche interne Speichererweiterung für diesen Rechner, verbaut direkt auf der Hauptplatine. Beim Einschalten meldet sich der Computer mit „BOS 2.1 SP320 (C)1987 vortex GmbH”. Auf dem ROM der Platine steht handgeschriebenen: BOS 2.1 / 464 / 13.4.87 — BOS Version, Modell, Datum. April 1987.

Mit dem internen RAM des CPC 464 ergibt das 384 KB — für damalige Verhältnisse eine beachtliche Ausstattung. Dazu ein Schneider DDI-1 Diskettenlaufwerk mit FD-1. Und vorher, bevor die Vortex kam: eine Data Media SP64, die erste Speichererweiterung des Vorbesitzers. Der Upgrade-Pfad ist dokumentiert — und wer die zeitgenössische Fachpresse las, verstand warum: Lesertests aus dem März 1986 zeigten die Vortex-Karte in allen Kategorien weit vor der Data-Media-Erweiterung.

CPC464 mitVortex-Platine
CPC464 mitVortex-Platine
Die Bücher

In der Schachtel lagen zwei Bücher-Stapel. Franzis und Data Becker — die Standardliteratur des ernsthaften Heimcomputer-Nutzers der 80er Jahre:

Franzis Computer-Bibliothek:

  • Nr. 2: Basic: Matrix-Operationen (Busch)
  • Nr. 4: Basic: Alles über Peek und Poke (Requardt)
  • Nr. 5: Basic: Mathematik per Computer (Busch)
  • Nr. 8: Basic: Betriebsprogramme für den Funkamateur (Vogelsang)
  • Nr. 9: Basic: HF-Rechenprogramme (Nolte)
  • Kleiner BASIC-Wortschatz (Busch)
  • Basic für Aufsteiger (Busch)

Data Becker:

  • CPC 464 für Einsteiger
  • CPC 464 Tips und Tricks
  • Das große Floppy Buch
  • Das Maschinensprachebuch zum CPC 464
  • Peek & Pokes zum CPC

Dazu das originale Schneider Computer Division Benutzerhandbuch DDI-1 im Spiralbindung-Original.

In den Franzis-Büchern stecken handgeschriebene Notizen. Unterstreichungen. Ausgedruckte Programm-Listings. Randbemerkungen zu Übersetzungsproblemen — die Franzis-Bücher wurden für allgemeines Microsoft BASIC geschrieben, nicht für Locomotive BASIC des CPC. Eine Übersetzungstabelle im Vogelsang-Buch half dabei.

Wer auch immer diese Bücher besessen hat, hat sie wirklich benutzt.

Schneider CPC Konvolut 2015
Schneider CPC Konvolut 2015
Die Kassetten

26 Kassetten. Nummeriert. Jede mit handgeschriebenem Inlay — Programmname, Zählerstand, teils Ladezeiten. Eine Kassette trägt den Stempel: Stand 25.3.84.

Dazu farbige Punkte: gelb, rot, halbiert. Ein System, das sich erst beim genaueren Hinsehen erschließt.

Und dann die Programmnamen:

*QTH-Kenner. QTH-Locator. Entfernung und Winkel nach Koordinaten. GMS-Winkelumrechnung. Doppler-Berechnung. PAR OBERFL. PLOTTEN. Satelliten-Programm. OSCAR. Rufzeichenliste. HF-Rechenprogramme. VSWR. W-dBm-dBpW. LFILTER.*

Das ist kein Spieler. Das ist kein Gelegenheitsprogrammierer.

Das ist ein Amateurfunker. Und ein ernsthafter dazu.

Das Profil

Kassette für Kassette entfaltet sich ein Bild. Kassette 3 enthält Koordinatenberechnungen — QTH-Locator, Entfernungs- und Winkelberechnungen nach dem Maidenhead-System. Kassette 10 zeigt eine lange Entwicklungsgeschichte eines Gleichungslösers: ZR3, ZR3+, ZR5, ZR6 — immer weiter, immer komplexer, mit dem Kommentar „LÖSUNG!” wenn etwas funktionierte. Kassette 16 enthält Doppler-Berechnungen für Satellitenkommunikation und Parabolantennen-Diagramme. Kassette 25 ist das HF-Werkzeug: VSWR-Berechnungen, Leistungsumrechnungen in dBm und dBpW, Filterberechnungen.

Und Kassette 21: SAT — Satelliten Programm Menü.

Dazu im Fund: Disketten mit der Aufschrift OSCAR. OSCAR steht für Orbital Satellite Carrying Amateur Radio — die Amateurfunk-Satelliten. Und eine kommerzielle Diskette: AFA Software, Fa. K und C Günther, Berlin — OSCAR 88. Mit Kundennummer.

Der Vorbesitzer hat ein vollständiges Satelliten-Tracking-System für den CPC 464 entwickelt — selbst programmiert, aus Büchern abgetippt, übersetzt, angepasst, über Jahre verfeinert. Und dann noch eine kommerzielle Lösung dazugekauft.

Auf dem Franzis-Buch Nr. 8 steht handgeschrieben: DJ2IM.

Ein deutsches Amateurfunk-Rufzeichen.

Basic - Betriebsprogramme für den Funkamateur
Basic: Betriebsprogramme für den Funkamateur
Die Suche

DJ2IM. Bundesnetzagentur-Rufzeichensuche: nicht gefunden. QRZ.com: nicht gefunden. Eine Recherche in Rufzeichen-Datenbanken ergibt: DJ2IM wurde seit 2015 nicht mehr vergeben.

Rufzeichen werden nach dem Tod des Inhabers eingezogen. Und nach einer Sperrfrist neu vergeben. Dass DJ2IM seit 2015 unverfügbar ist, lässt einen Schluss zu.

DJ2IM ist nicht mehr.

Die Biografie

Was die Kassetten, Bücher und Disketten zusammen erzählen, ist eine vollständige Computerbiografie:

Irgendwann vor 1984 begann DJ2IM mit einem Sharp MZ80A. Im Fund liegt noch die originale Sharp-Kassette SA-5510 — Basic-Interpreter für den MZ80A. Auf Kassette 4 des CPC-Archivs findet sich ein HEX-Monitor aus der Zeitschrift MC, Ausgabe 4/1983 — ursprünglich für den Sharp geschrieben, später auf den CPC übertragen.

1985 oder 1986 kam der Schneider CPC 464. Die Franzis-Bücher wurden angeschafft. Die ersten Programme entstanden — auf dem Probierband (Kassette 5) sieht man die Lernkurve: Pythagoras, Gerade Zahlen, Autorennen, Zinseszins. Mit Quellenangaben zu Seitenzahlen der Bücher.

Dann wurde es ernst. Die Amateurfunk-Programme entstanden. Die Bücher wurden mit Randnotizen versehen. Kassette 25 mit den HF-Berechnungen, Kassette 16 mit den Doppler-Formeln, Kassette 21 mit dem Satelliten-Menü.

Irgendwann kam das DDI-1. Vorher: Data Media SP64. Nachher: Vortex SP320. Auf Diskette: Fast Basic Compiler, ConText, Textverarbeitung. Und die OSCAR-Disketten — das fertige System.

Eine handgeschriebene Notiz in den Kassetten-Inlays zeigt die Haltung: „Nr. 6 — Matrix geht nur bei der im Programm festgelegten Zeilen- und Spaltenzahl.” Kein Bug. Eine Eigenschaft. Dokumentiert.

Was bleibt

Im Winter steht die Digitalisierung an. 26 Kassetten, 7 nummerierte Disketten, die OSCAR-Disketten. Der CPC 464 mit SP512 und DDI-1 ist aktiv — er kann es lesen. Alles was noch fehlt ist Zeit.

DJ2IMs Software könnte verloren sein — oder sie könnte noch funktionieren. Auf 40 Jahre alten Ferro-Bändern. Das wird der Winter zeigen.

Was heute sicher ist: Ein Paket das 2015 auf der VCFe in München für einen überraschend niedrigen Preis den Besitzer wechselte, ist kein zufälliger Konvolut. Es ist das digitale Erbe eines Ingenieurs und Amateurfunkers, der seinen CPC 464 als ernsthaftes Werkzeug benutzte — für HF-Berechnungen, Koordinatensysteme, Antennendiagramme und Satelliten-Tracking.

Manchmal braucht ein Fund elf Jahre um zu erzählen, was er wirklich ist.

*Kennt jemand DJ2IM? Hinweise gerne in den Kommentaren oder per E-Mail.*

Schneider CPC464 - Einschaltmeldung Vortex SP320
Schneider CPC464 – Einschaltmeldung Vortex SP320

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